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Der Besuch des Bürgerforums Nortorf in der KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen

Morgens und abends hatten die Häftlinge des KZs Kaltenkirchen zum Appell anzutreten. Am Abend durfte niemand fehlen. Darum mussten abends auch die Häftlinge "antreten", die am Tage an Entkräftung durch Hunger, Krankheit, harte Arbeit und Misshandlung gestorben waren - je zwei Häftlinge hatten jeweils einen toten Mithäftling so aufzurichten, dass es aussah, als sei der Tote "angetreten". Nach dem Appell waren die Toten neben der Latrine abzulegen, bevor sie am nächsten Morgen in verschiedene Gruben in der Umgebung des Lagers gekippt wurden.

Solche grausigen Tatsachen über den Alltag eines KZs im heimatlichen Holstein erfuhren die Mitglieder des Bürgerforums Nortorf, für die der "Trägerverein der KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen" am letzten Samstag eine Führung veranstaltete. Bei einem Rundgang über das KZ-Gelände, das zwischen Bad Bramstedt und Quickborn unmittelbar an die B 4 grenzt, erläuterte der Betreuer der Gedenkstätte, Herr Saretzki, zunächst die Geschichte und den Aufbau des ehemaligen KZs, die erhaltenen baulichen Reste und die Tafeln und Kunstwerke, die an die Opfer erinnern sollen.

Im Spätsommer 1944 sollte in der Nähe der Reichsstraße 4 (heute B 4) eine vorhandene Startbahn so verlängert werden, dass dort die neu entwickelten Düsenjäger der Luftwaffe starten und landen konnten. Zu diesem Zweck wurden über 500 KZ-Häftlinge aus dem KZ Neuengamme eingesetzt, verbunden mit dem Zweck der "Vernichtung durch Arbeit". Untergebracht waren sie, zumeist Russen, Polen und Franzosen, im neu errichteten KZ Kaltenkirchen. Da die Sterberate sehr hoch war, wurden die "Abgänge" immer wieder durch Neuzuführungen aus dem KZ Neuengamme aufgefüllt.

Nach dem Rundgang folgten im Dokumentenhaus der Gedenkstätte weitere ausführliche Informationen durch die Vorsitzende der Landesarbeitsgemein-schaft Gedenkstätten (LAGSH), Frau Körby, und den Vorsitzenden des Trägervereins der Gedenkstätte, Herrn Czerwonka. Von ihnen erfuhren die Nortorfer Gäste, dass erst 30 Jahre nach Kriegsende der Schleier des Vergessens über dem KZ Kaltenkirchen zum ersten Mal gelüftet wurde, und zwar durch den Aufsatz "Kaltenkirchens blutige Erde" in einer SPD-Zeitung. Dem Verfasser, dem Historiker Gerhard Hoch, sei es dann in jahrzehntelanger Arbeit gegen starke Widerstände in der Stadt und in der Region gelungen, in zahlreichen Publikationen schrittweise die Geschichte des Nationalsozialismus in und um Kaltenkirchen zu untersuchen und ins öffentliche Bewusstsein zu heben.

Erst in den 90er-Jahren seien an der B 4 die Reste des KZs wiederentdeckt worden. Gerhard Hoch habe die Möglichkeit ergriffen, hier besonders für die Jugend einen ungemein wichtigen Lernort der Geschichte zu schaffen, damit solches Unrecht nie wieder geschehen kann. Als Ergebnis sei - vor allem mithilfe der Schulen der Region - die KZ-Gedenkstätte entstanden, die im Jahre 2000 feierlich eingeweiht werden konnte und sich seitdem in ständigem Ausbau befindet.

Auch das Bürgerforum Nortorf hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte des Nationalsozialismus in Nortorf zu untersuchen und ins öffentliche Bewusstsein zu heben. Durch Frau Körby und Herrn Czerwonka erfuhren die Mitglieder des Forums, wie dies in Kaltenkirchen möglich wurde: Man habe die Politik und alle wichtigen gesellschaftlichen Kräfte nicht zu Gegnern gemacht, sondern in geduldiger und unermüdlicher Arbeit für die Arbeit der Aufklärung gewonnen und dabei besonders die Schulen mit eingebunden.

Mit diesem wichtigen Hinweis und einer Reihe weiterer hilfreicher Anregungen für die Arbeit des Bürgerforums endete diese ungemein interessante Veranstaltung in der Gedenkstätte.

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BF Nortorf besucht die KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen
BF Nortorf im Gespräch mit Frau Körby und Herrn Czerwonka von der KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen