Projekt: Deutsche NS-Opfer aus dem Nortorfer Raum


Insgesamt haben die Nationalsozialisten zwischen 1940 und 1945 dreizehn Bürgerinnen und Bürger aus dem Nortorfer Raum (acht aus Nortorf und fünf aus benachbarten Gemeinden) umgebracht.

Elf von ihnen - sechs Frauen, vier Männer und ein Kind - wurden ermordet, weil sie krank waren und von den Nationalsozialisten als "lebensunwert" eingestuft wurden. Die Mörder nannten dies eine Maßnahme der "Euthanasie" (aus dem Griechischen; wörtlich übersetzt: "schöner Tod").

In der Gaskammer der Tötungsanstalt Bernburg (Sachsen-Anhalt) wurden 1941 vier Frauen und drei Männer durch Kohlenmonoxid getötet.

1944 ermordeten die Nationalsozialisten in der NS-Tötungsanstalt Meseritz-Obrawalde (preußische Provinz Mark Brandenburg) zwei Nortorferinnen durch Verabreichung einer Überdosis Veronal und einen Nortorfer durch Injektion einer Überdosis eines anderen Schlafmittels (Morphium oder Scopolamin).

Das Kind, 12 Jahre alt, ließen die Nationalsozialisten 1944 in der Kinderfach-
abteilung der Landesheilanstalt Schleswig-Stadtfeld verhungern.

Zwei Nortorfer wurden in nationalsozialistischen Konzentrationslagern umgebracht. Einer starb als sogenannter "Arbeitsscheuer" 1940 im KZ Sachsenhausen (preußische Provinz Brandenburg), der andere als "politischer" Häftling 1942 im KZ Neuengamme (Hansestadt Hamburg).

Anmerkung:
Drei Beispiele von Einzelschicksalen werden hier dargestellt, soweit es die beschränkte Aktenlage zulässt. Die Mörder haben sich nach Beendigung ihrer Mordaktionen am Ende des Kriegs bemüht, die entsprechenden Akten möglichst vollständig zu vernichten.


Informationen über das Schicksal dieser und weiterer Opfer in der Broschüre.



Werner Opitz,
umgekommen im Konzentrationslager Sachsenhausen

Soweit wir bisher sehen können, hat es in Nortorf während der NS-Zeit keiner-
lei wirklichen Widerstand gegen das NS-Regime gegeben, auch nicht von sozialdemokratischer oder kommunistischer Seite. Trotzdem sind zwei Nortorfer in Konzentrationslagern umgekommen: Werner Opitz und Karl Lafferenz. Bisher sind uns über Werner Opitz folgende Einzelheiten bekannt:
  
02.06.1904 Werner Opitz wird in Berlin geboren. Sein letzter Wohnort ist Nortorf, Postredder 33. Sein Vater hatte ein Eisenwarenge-
schäft dort, wo sich heute das Fleischereigeschäft Beth befindet. Nach Auskunft von Hans Jürgen Schönwandt hat dieser 1933/34 Selbstmord begangen. (Das Motiv für diesen Selbstmord ist nicht bekannt.) Werner arbeitet in Nortorf als Handlungsgehilfe, hat aber wohl keine Lust zu geregelter und anstrengender Arbeit, sodass er in Nortorf den Ruf eines "Tunichtguts" und "Taugenichts" genießt.
14.12.1937 "Erlass über die vorbeugende Verbrechensbekämpfung". Danach ist es Aufgabe der Polizei, neben "Berufs- und Gewohnheitsverbrechern" jeden, der "durch sein asoziales Verhalten die Allgemeinheit" gefährdet, ins KZ zu verbringen. So werden insgesamt etwa 70.000 Deutsche als "asozial" in verschiedene KZs verbracht.
28.08.1938 Werner Opitz wird als "asozial" in das KZ Sachsenhausen in Oranienburg bei Berlin eingeliefert. Er erhält die Häftlingsnummer 3777 und wird im Häftlingsblock 48 unter der Häftlingskategorie "Arbeitsscheuer" geführt.
05.01.1940 Er stirbt im Block 34. Angebliche Todesursache: "Herzschlag". Er wird 36 Jahre alt. Der Mutter Anna Opitz in Nortorf (wohl auch Postredder 33) wird eine Urne zugeschickt.
23.01.1940 Beisetzung der Urne auf dem Neuen Friedhof in Nortorf; Lage und Nr. des Grabes: Block F, Reihe IV E, Nr. 69 L 2.

Das KZ Sachsenhausen wird 1936 im Oranienburger Ortsteil Sachsenhausen nördlich von Berlin errichtet. Bis 1945 sind dort mehr als 200.000 Menschen aus ca. 40 Nationen inhaftiert. Häftlinge sind zunächst politische Gegner des NS-Regimes, dann in immer größerer Zahl Angehörige der von den Nazis als rassisch und/oder biologisch minderwertig erklärten Gruppen (Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, sogenannte "Asoziale"), die dem Regime wegen ihrer Religiosität verhassten Zeugen Jehovas und ab 1939 zunehmend Bürger der besetzten Staaten Europas. Zehntausende kommen durch Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit und Misshandlungen um oder werden Opfer systematischer Vernichtungsaktionen und medizinischer Experimente.

Besonders viele Tote gibt es im Klinkerwerk Oranienburg, von den Häftlingen als "Todesfabrik" bezeichnet. Hier werden Ziegel für Albert Speers Großbauvorhaben in Berlin produziert, d. h. für den Aufbau der Reichshaupt-
stadt Germania. Es ist gut möglich, dass Werner Opitz hier zu Tode gekommen ist. Die angegebene Todesursache "Herzschlag" jedenfalls ist bei einem
36-Jährigen zumindest fragwürdig.

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Ansicht Zentrum Nortorf am Marktplatz
Auszug aus dem Totenbuch des KZs Neuengamme