Projekt:
Mahnmal für deutsche NS-Opfer aus dem Nortorfer Raum


Am Anfang der Arbeit des Bürgerforums Nortorf stand die Idee, für die von den Nazis ermordeten Menschen aus Nortorf und den amtsangehörigen Gemeinden zusammen mit dem Künstler Gunter Demnig sog. Stolpersteine zu setzen. Von dieser Idee musste sich das Bürgerforum verabschieden, als deutlich wurde, dass es den letzten Wohnsitz dieser Menschen in mehreren Fällen nicht mehr gab, und nur dort, vor deren letzter Wohnung, wollte Gunter Demnig Stolpersteine setzen.

Seit 2011 war es darum das Ziel des Bürgerforums, für diese Menschen in der Mitte Nortorfs ein Mahnmal zu errichten, zur Erinnerung an die namentlich zu nennenden Opfer und zur Mahnung an die heute Lebenden. An einem Runden Tisch wurde unter Moderation des von der Kirchengemeinde engagierten Mediators Christoph von Stritzky diese Idee Kommunalpolitikern und Bürgern nahegebracht. Diese "Runden Tische" waren gut besucht, wenn sich auch das Interesse der Kommunalpolitiker in Grenzen hielt - von der SPD-Fraktion beteiligte sich sogar niemand. Sehr hilfreich war, dass sich immerhin der Bürgermeister Horst Krebs dieser Idee gegenüber zunehmend offen zeigte. Die Ev.-Luth. Kirchengemeinde Nortorf stellte schließlich für dieses Mahnmal einen Platz gleich neben der Kirche zur Verfügung, und der Bildhauer Manfred Sihle Wissel aus Brammer erklärte sich bereit, dieses Mahnmal zu gestalten und es auch zu stiften. Das notwendige Fundament finanzierte die Kirchengemeinde.

Am Volkstrauertag, dem 13. November 2016, wurde das Mahnmal nach dem Ende des Sonntagsgottesdienstes eingeweiht. Die Feier war sehr gut besucht. Auch Vertreter der Nortorfer Vogelgilde und der Freiwilligen Feuerwehr Nortorf waren anwesend. Nach der Eröffnung der Feier durch Frau Pastorin Trede hielt Günter Neugebauer, Sprecher der regionalen Arbeitsgruppe Schleswig-Holstein für den Verein "Gegen Vergessen - Für Demokratie", die Hauptrede, in der er deutlich machte, wie wichtig für die Demokratie die Erinnerung an die ganze deutsche Vergangenheit und wie wichtig darum für Nortorf dieses Mahnmal sei. Die Herrschaft des Unrechts durch die Nationalsozialisten hätte willfährige Unterstützer auch in Nortorf gefunden. Ohne sie, Verwandte, Nachbarn, gut beleumdete gesellschaftliche Eliten und sogar Pastoren, wären die Verfolgung und Ermordung von politischen Gegnern, die Einrichtung von Konzentrationslagern, die Ermordung von jüdischen Mitbürgern, Homosexuellen, Sinti und Roma sowie kranken und angeblich kranken Menschen nicht möglich gewesen.

Die zu schnelle Entnazifizierung von Schuldigen gerade in Schleswig-Holstein hätte zur Verdrängung des Geschehenen geführt. Mit Hilfe der Tageszeitung, einiger Parteien und Verbänden sowie der von ehemaligen Nazis besetzten Landesregierung sei es gelungen, sehr zügig die Deutungshoheit über den, von Ausnahmen abgesehen, angeblich anständigen Nationalsozialismus zu übernehmen. Das Mahnmal und die Inschriften hätten den Opfern der NS-Herrschaft einen Namen und damit ein Gesicht gegeben. Sie seien erniedrigt und ermordet worden, nur, wie es in der Inschrift heiße, weil sie "anders" waren.

Bevor der Bürgermeister Horst Krebs mit einem Zitat des Bundespräsidenten Joachim Gauck zum Volkstrauertag die Feier beendete, ergriff auch Meinhard Jaster als Vertreter des Bürgerforums das Wort:

Liebe Freunde, man kann sich fragen, warum wir vom Bürgerforum uns so intensiv gerade mit den schrecklichen Ereignissen befassen, die doch schon mehr als 70 Jahre zurückliegen. Sollte man nicht besser einen Schlussstrich ziehen? Ich sehe es anders und möchte es kurz begründen.
Edward Hoop, mein Geschichtslehrer Ende der 50er-Jahre, schrieb im Vorwort zu seiner Geschichte der Stadt Rendsburg: "Geschichte gewinnt an Nähe, wenn sie aus der Perspektive eines kleinen Gemeinwesens betrachtet wird." Dass 6 Millionen Menschen in den Vernichtungslagern der Nazis fabrikmäßig ermordet wurden, kann im Grunde niemand fassen, weil das unsere Vorstellungskraft übersteigt. Eine solche Zahl berührt uns darum nicht wirklich. Dass aber 13 Menschen aus dieser Stadt und den umliegenden Gemeinden, auch Kinder, auf bestialische Weise zu Tode gequält, vergiftet oder vergast wurden - das kann niemanden ungerührt lassen.
Die Menschen von damals, unsere Vorfahren, haben dies zugelassen, sind zum Teil selbst schuldig geworden. Dabei waren sie keinen Deut moralisch schlechter als wir heute. Bei der Erarbeitung der Schicksale dieser ermordeten Mitmenschen ist mir klar geworden, wie diese Verbrechen geschehen konnten. Wirtschaftliche Not spielte eine Rolle, Zukunftsängste, Vorurteile, demagogische Propaganda und vor allem der Terror der Nazis. Versetze ich mich in die Lage und in den Wissensstand der Menschen von damals - ich hätte all dies ziemlich sicher ebenso geschehen lassen, ich wäre ziemlich sicher kein Held gewesen, hätte den Nazis nicht die Stirn geboten, vielleicht hätte ich mich sogar, verführt und indoktriniert in der Hitler-Jugend, aktiv an den Verbrechen beteiligt.
Ich bin darum überzeugt: Was damals geschah, kann wieder passieren. Die menschliche Natur lässt dies als Möglichkeit zu. Bertolt Brecht sagte angesichts wiederaufkeimender nazistischer Tendenzen: "Der Schoß ist fruchtbar noch, der das gebar." Und sieht man sich die gefährlichen nationalistischen, oft auch rassistischen Bewegungen an vielen Orten der heutigen Welt an - man muss Brecht recht geben.
Das Mahnmal, das wir heute einweihen, soll ein kleiner Beitrag dafür sein, dass sich solche Barbarei nicht wiederholt.



Weitere Informationen in der Broschüre über das Schicksal dieser Opfer.

Im NDR in der Sendung DAS wurde am 1.12.2016 der vom NDR gedrehte Film über Claus Rohwedder gezeigt, der HIER online zu sehen ist.


 
Bildhauer Sihle-Wissel mit Stele Stürzende Säule
Günter Neugebauer bei Einweihung des Mahnmals