Projekt: Deutsche NS-Opfer aus dem Nortorfer Raum


Ernst August Wilhelm Engellandt,
ermordet in Bernburg
  
10.03.1902 Geboren in Brammer bei Nortorf, Kreis Rendsburg, als Sohn des Hinrich Jakob Engellandt, der von 1896 bis 1935 Lehrer in Brammer war.
23.03.1923 August E. legt in Rendsburg seine erste Lehrerprüfung ab.
12.11.1929 Er legt in Havetoftloit seine zweite Lehrerprüfung ab.
01.05.1930 Beginn seines Dienstes an der zweiklassigen Dorfschule in Dörpum, Kreis Husum.
01.08.1930 Er wird endgültig im Volksschuldienst angestellt.
01.09.1933 Beginn seines Dienstes in der Volksschule Neu Ekels, heute Südbrookmerland (Kreis Aurich).
29.03.1934 Mit dem Ende des Schuljahres 1933/34 endet die Dienstzeit in der Volksschule Neu-Ekels im Kreis Aurich und damit seine berufliche Tätigkeit als Lehrer.
Es "folgt eine lange Urlaubszeit", so August Engellandt in einem seiner Fotoalben. In diesen Alben sind eine Reihe von Reisen durch die schleswig-holsteinische Heimat (auch mit dem Rad), durch Nordfriesland und Nordschleswig, vor allem aber in die Alpen (Oberstdorf, Berchtesgaden, Mittenwald und Südtirol) festgehalten. Er scheint viel Zeit gehabt zu haben. So verbringt er im Sommer 1934 drei Monate in einem Gasthof in Süsel (damals zum Landesteil Lübeck des Freistaats Oldenburg gehörig) und ist im Jahr 1935 mindestens vom 23.6. bis 20.8. Urlaubsgast bei der Familie Schandl in Mittenwald. Seine Kommentare zu den Fotos zeigen, wie sehr er auf verschiedenen ausgedehnten Wanderungen und Klettertouren die Natur und besonders die Bergwelt genießt. Seine politische Grundeinstellung ist - so lassen wiederum verschiedene Bildunterschriften erkennen - stark deutsch-national geprägt, typisch für einen Vertreter des damaligen Bildungsbürgertums. Eine Distanz zum NS-Regime wird angesichts der unkommentierten Fotos von Hitlerjungen, BDM-Mädchen und SA-Formationen nicht deutlich. Gleichwohl berichtet ein Neffe des August Engellandt, der Landwirt Kurt Engellandt aus Haale-Wettersberg, in seiner Familie sei erzählt worden, August sei der Einzige unter seinen Geschwistern (drei Brüder und eine Schwester) gewesen, der nicht in die NSDAP eingetreten sei und der sich sogar kritisch gegenüber dem NS-Regime geäußert habe.
Aus der Zeit nach 1936 liegen von August Engellandt keine Fotoalben mehr vor.
In diese Zeit fällt seine Entmündigung. Als Vormund erhält er den Rendsburger Rektor C. Struck. Alte Nortorfer erzählen, dass er Briefe an Josef Goebbels und Hermann Göring geschrieben habe. Über den Inhalt dieser Briefe ist nichts bekannt.
Sein letzter Wohnort ist Rendsburg.
22.12.1938 Einweisung in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Schleswig.
In seiner Familie - so wiederum Kurt Engellandt - habe man sich erzählt, Augusts um 15 Jahre jüngerer Bruder Otto Karl Wilhelm, ein junger Nationalsozialist, sei nach Schleswig gefahren, um seinen Bruder im Auftrag der Familie von der Richtigkeit der nationalsozialistischen Weltanschauung zu überzeugen. August könne, so habe sein Bruder in Aussicht gestellt, die Anstalt wieder verlassen, wenn er seine Einstellung gegenüber dem NS-Regime ändere. August sei aber bei seiner NS-kritischen Haltung geblieben.
06.04.1939 Aufgrund des NS-Gesetzes "zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" vom 14. Juli 1933 beantragt der Direktor der Anstalt für August Engellandt die "Unfruchtbarkeitsmachung" wegen Schizophrenie.
15.05.1939 Das Erbgesundheitsgericht Flensburg verfügt die Unfruchtbarkeitsmachung.
08.06.1939 August E. wird im Städtischen Krankenhaus Schleswig zwangssterilisiert.
18.07.1941 August E. wird aus der Anstalt abtransportiert in die "Zwischenanstalt" Königslutter. (Hier werden die für die Tötung vorgesehenen Kranken offenbar "zwischengeparkt" und dann weitergeleitet ins NS-Tötungslager Bernburg in Sachsen-Anhalt.)
11.08.1941 An diesem Tag wird August E. ins Tötungslager Bernburg verlegt und dort am selben Tag in der Gaskammer durch Kohlenstoffmonoxid ermordet.
24.08.1941 Offizielles Todesdatum.
Um die Morde besser vertuschen zu können und um weiterhin Geld für Kost und Logis zu erhalten, verlegt die Tötungsanstalt Bernburg durch gezielte Falschbeurkundung das Todesdatum um 13 Tage.
Offizielle Todesursache: Nach Unterbringung in einem Raum zusammen mit "Bazillenträgern" sei er an Lungenentzündung erkrankt und daran "unerwartet" gestorben. Den Angehörigen in Nortorf schickt man auf deren Kosten eine Urne, die irgendwelche Asche enthält.
08.09.1941 Todesanzeige des Vaters Hinrich Engellandt in der Rendsburger Landeszeitung:

Nach kurzer, schwerer Krankheit starb mein lieber Sohn, unser lieber Bruder, Schwager, Neffe und Onkel, der Lehrer a. D. August Engellandt im 40. Lebensjahre. Nach erfolgter Einäscherung ist hier die stille Beisetzung der Urne erfolgt. In stiller Trauer im Namen der Hinterbliebenen
H. Engellandt
Nortorf, den 8. September 1941

Die Schwere der Erkrankung des August Engellandt muss bezweifelt werden, auch die Diagnose "Schizophrenie". Auf der einen Seite ist es schon merkwürdig, dass er als ausgebildeter Lehrer mit einiger Berufserfahrung nach dem Ende des Schuljahres 1933/34 nicht mehr unterrichten muss (oder darf) und stattdessen eine "lange Urlaubszeit" antritt, von deren Ende er in seinen Fotoalben nichts berichtet. Auf der anderen Seite genießt August Engellandt offensichtlich in vollen Zügen seine Reise- und Wandererlebnisse und findet dabei - wie es die Fotos und auch an ihn adressierte Postkarten zeigen - immer wieder gute Bekannte, die mit ihm zusammen sehr gern Wanderungen unternehmen. Auch ist er in den Urlaubsquartieren, die er teilweise wiederholt aufsucht, ein gern gesehener Gast.
Seine Liebe zur Natur, sein Interesse an fremden Gegenden und anderen Menschen, seine Bereitschaft zu großen Anstrengungen (ausgedehnte Radtouren, schwierige Kletterpartien), seine Kontaktfreudigkeit und sein freundliches Wesen - all dies ist bis ins Jahr 1936 dokumentiert und steht durchaus im Widerspruch zum Krankheitsbild der Schizophrenie. Auch wenn man bedenkt, dass sich die Symptome der Schizophrenie im Laufe der Jahre verstärken können, so überrascht es doch sehr, dass August Engellandt schon 1938, also schon zwei Jahre später, in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Schleswig eingewiesen und im Jahr darauf zwangssterilisiert wird.

Resümee: August Engellandt war anscheinend nicht mehr in der Lage, sein Lehramt als Volksschullehrer verlässlich auszuüben, aber er war wohl kaum so krank, dass er der Gesellschaft nicht mehr auf andere Weise hätte dienen können. Mir erscheint es darum als nicht ausgeschlossen, dass sich die Nationalsozialisten mithilfe der Diagnose "Schizophrenie" und der darauf basierenden Mordaktion eines Menschen entledigt haben, der ihnen mit seiner offen kritischen Haltung lästig war.

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August Engellandt (rechts), im Sommer 1935 mit einem Wanderkameraden am Wörnersattel bei Mittenwald
August Engellandt (ganz vorn), am 21.7.1933 mit einer Wandergruppe vor einer Felsenhöhle bei Mittenwald